Mitarbeiter geht zur Konkurrenz und nimmt Entwürfe mit.

Posted by Peter on Februar 19, 2007 at 12:35 .

Es war einmal in einem fernen Land… nein, Spaß beiseite, die folgende Geschichte ist in Deutschland passiert und leider wahr. Sie handelt von einem kleinen Verlag, der aus rechtlichen Gründen ungenannt bleiben muss. Die Geschichte beschreibt ein besonderes Lehrstück in Sachen Dreistigkeit und zeigt wieder einmal, wie unverhofft und durchschlagend Plagiarismus innerhalb Deutschlands auftritt.

Der betroffene Verlag ist seit Jahrzehnten im Geschäft und gilt als eingeführt. Gemeinsam mit einigen anderen Verlagen teilte sich dieser Verlag eine Nische am Druckmarkt und führte so ein nicht luxuriöses aber erträgliches Dasein. Unter den Mitarbeitern herrschte ein kollegiales Verhältnis. Man arbeitete schon lange zusammen, wusste um seine Stärken und Schwächen und kam gut miteinander aus. Auch unter den Verlagen in der gemeinsamen Marktnische herrschte ein korrekter Umgang.

So war es, bis sich ein neuer Verlag in diese Nische drängte. Leider setzte der “neue” nicht auf fairen Wettbewerb sondern auf „Sieg um jeden Preis“. Nun ging es nicht mehr nur darum, das beste Produkt zu erstellen und die Leistungen des anderen auch sportlich anzuerkennen, sondern es wurde auch gezielt versucht, die anderen Verlage beim Kunden schlecht zu machen.

Die “alten” Verlage hielten jedoch zusammen. Gemeinsam konnten sie den neuen Marktteilnehmer im Zaum halten, schließlich kannten sie den Markt immer noch am besten. Der Angreifer zog sich aber nicht zurück. Statt dessen änderte er die Taktik. Wenn es ihm also nicht gelang, die Verlage beim Kundenkontakt zu schwächen oder in der Qualität zu übertrumpfen, dann musste er sie eben im Innersten angreifen, bei den Mitarbeitern.

Gezielt kontaktierte der Angreifer-Verlag die wichtigen Mitarbeiter der anderen Verlage. Es kam schnell ans Tageslicht, dass er versuchte, Mitarbeiter abzuwerben und die Verlage versuchten natürlich, dies zu verhindern. Doch praktisch findet sich wohl in den meisten Teams mindestens einer, für den der richtige Arbeitgeber nur eine Frage des Geldes ist. Wie viel der Angreifer-Verlag geboten hat, ist nicht bekannt. Womöglich war dem Mitarbeiter, der sich auf den Handel einließ, auch gar nicht bewusst, welche enormen wirtschaftlichen Auswirkungen er dadurch verursachen würde.

Tatsache ist, dass bei dem Verlag, von dem hier die Rede ist, wenige Wochen später ein Mitarbeiter kündigte und sofort am nächsten Tag eine Tätigkeit bei dem neuen Wettbewerber aufnahm. Dies war für die Verlagsleitung auf jeden Fall ein Schock. Die echte Überraschung stand jedoch noch bevor.

Der neue Wettbewerber begnügte sich nicht damit, einen wichtigen Mitarbeiter abzuwerben. Er veranlasste auch, dass dieser Mitarbeiter alle Ideensammlungen und -skizzen seines alten Arbeitgebers mitbrachte. Erst Tage später fiel auf, dass die Mappe, die im Zimmer des Geschäftsführers lagerte, leer war.

Das Zimmer des Geschäftsführers wurde nicht abgeschlossen, jeder hätte theoretisch unbemerkt hineingehen können. Man kann dem Verlag deshalb vorwerfen, nicht genügend für die Sicherheit getan zu haben. Allerdings muss man auch daran denken, dass sich die meisten Mitarbeiter bereits seit über 20 Jahren kannten. Es herrschte eine Atmosphäre des Vertrauens, die man auch nicht durch Geheimniskrämerei zerstören wollte.

Sämtliche Ideen waren also weg. Es wurde versucht, schnell aus dem Gedächnis soviel wie möglich wiederherzustellen, mit mäßigem Erfolg. Der abgewanderte Mitarbeiter hatte auch persönlich alle Kontakte zu seinen Kollegen abgebrochen, er lebte sich im neuen Verlag schnell ein. Und nur wenige Wochen später erschien das erste Produkt, dass den Geschädigten sehr bekannt vorkam.

Seither geht es mit der wirtschaftlichen Lage des Verlages bergab. Der neue Wettbewerber weiß, was geplant war und bemüht sich, immer kurz vorher ein identisches Produkt aufzulegen. Gleichzeitig überrascht er im Markt mit neuen Ideen. Im Wohlwollen der Kunden konnte der neue Verlag stark aufholen, während die Dopplungen bei den Neuerscheinungen dem alten Verlag angelastet werden.

Juristisch kann praktisch nichts unternommen werden. Die Anzeige wegen Diebstahls gegen unbekannt blieb unaufgeklärt, weitere Ansatzpunkte existierten nicht. Der geschädigte Verlag hat keinen stichhaltigen Beweis, dass die Ideensammlung einmal ihm gehört hat. Er muss nicht nur tatenlos zusehen, wie der andere Verlag aus den eigenen Ideen erfolgreiche Projekte macht, sondern er muss sich auch noch selbst gegen den Plagiarismusvorwurf verteidigen, wenn wieder einmal kurz vor der Veröffentlichung der Wettbewerber mit einem ähnlichen Produkt auf den Markt kommt.

Die aktuellen Bemühungen, zukünftig die Ideen und halbfertigen Werke zu hinterlegen, werden für die Vergangenheit keine Wirkung mehr entfalten. Unverhofft und wirkungsvoll wurde dem Verlag deutlich gemacht, auf welch labilem Grund die vermeintlichen Urheberrechte stehen. Recht zu haben genügt eben nicht, man muss es auch beweisen können.

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