4 Seiten - ein Webdesign

Posted by Peter on Februar 22, 2007 at 2:20 .

Manchmal staunt man ja, wie sorglos Leute die Urheberrechte anderer mit Füßen treten. Dann wiederum staunt man aber noch mehr, wenn man erkennt, dass dies folgenlos bleibt. Natürlich kann man in keinem der folgenden Fälle abschließend Straffreiheit bescheinigen, auch nach längeren Fristen kann der Urheber es sich noch anders überlegen. Da der hier geschilderte Fall aber vermutlich andere zur Nachahmung anregen wird, sollte er auf jeden Fall auch einmal kritisch beleuchtet werden.

Bevor Sie weiterlesen, rufen Sie bitte nacheinander die folgenden Seiten auf:

www.facebook.com

www.studiVZ.de

www.schuelerVZ.de

www.feierabend.net

Die erste Seite ist blau, die nächsten beiden rot, die vierte gelb. Das wars dann aber auch schon mit Unterschieden. Alle Seiten haben denselben Aufbau, dieselben Überschriften, dieselben Eingangstexte, lediglich angepasst an die jeweilige Zielgruppe.

Völlig hemmungslos wurde hier ein erfolgreiches Design von anderen übernommen. Das Original finden Sie auf www.facebook.com. Mittlerweile 9,5 Millionen Studenten tummeln sich auf der beliebten Studenten-Community. Facebook erfand auch die beliebte Funktion, mit der Studenten untereinander kennenlernen, das “poking”. Das klingt weniger vordergründig als flirten, ohne gleich bieder zu wirken.

Was in den USA funktioniert, braucht auch Deutschland, dachten sich die Gründer von StudiVZ.de. Identisch bis in kleinste Details wurde die Community nachgebaut und tatsächlich konnte die Mitgliederzahl in Jahresfrist nach eigenen Angaben auf 1 Million gesteigert werden. Aus “poking” wurde “gruscheln” und daraus wiederum eine eingetragene Marke.

Mit SchuelerVZ.de wurde ein ebenfalls optisch und funktional identischer Klon geschaffen, der nunmehr die Schüler in eine Community locken soll.

Seit dem 19.02.07 ist außerdem Feierabend.net online, ein Dienst der Feierabend AG. Auch diese Seite ähnelt in allen Einzelheiten dem großen Original aus Amerika. Zielgruppe sind allerdings die Senioren. Als einziges seniorenspezifisches Feature wurde die Funktion zur Schriftvergrößerung entdeckt, alle anderen Funktionen stimmen genau überein.

Weder die Betreiber von StudiVZ noch der Senioren-Community Feierabend.net zerbrechen sich den Kopf über die Risiken, denen sie sich aussetzen. Dabei haben zumindest letztere durchaus Grund dazu.

Ende der Neunziger Jahre haben 3 Berliner Brüder und 3 weitere Freunde ein Online-Auktionshaus namens alando.de gegründet. Auch hier stand mit eBay ein großes US-Vorbild Pate. Gut 100 Tage später wurde diese Website an eBay verkauft und hieß fortan eBay.de. Ein anderes Auktionshaus versuchte ebenfalls an das offensichtlich erfolgreiche Design der Ideengeber aus Amerika anzuknüpfen - und handelte sich prompt eine Klage von eBay Deutschland ein, wegen Urheberrechtsverletzungen im Webdesign. Und kurioserweise tauchen diese 3 Brüder Jahre später wieder auf - als Investoren bei StudiVZ.

Fazit: Es bleibt abzuwarten, ob sich die Geschichte wiederholt. Traurig ist es allemal, dass die erfolgreichsten deutschen Websites eben nur Plagiate sind. Das eine gute Website Kreativität und intensive Arbeit voraussetzt, ist inzwischen bekannt. Das niemand das Rad neu erfindet ebenso. Sich die gesamte Entwicklungsarbeit aber zu sparen und einfach nachzubauen ist etwas, was man in deutschen Medien nur den Chinesen gern unterstellt. Dabei gibt es bereits hierzulande Plagiatoren genug.

9 Comments

  • Bloglike sagt:

    Bei diesen Seiten darf überhaupt nicht von Webdesign die Rede sein. Man sollt eher anprangern, das hier das Konzept “geklaut wurde” und am Aufbau (zwei Spalten Design mit Login oben links) der Seite einfach nicht viel geändert wurde.

    Eine eigens erarbeite(s) Corporate Identity (Design) hätte der Kritik die diesen VZs nun hier entgegenkommt gewiss entgegengewirkt, aber man kann ja immer noch nachziehen.

    Eigentlich kann man ja auch sagen, dass hier das Google Prinzip abgekupfert wurde… die schon früher wussten “weniger ist mehr”.

    Und das Prinzip zieht nun mal besonders im Web, vor allem in deutschen Kreisen. Daher kann den ganzen (neuen) VZs, die auf die Benutzerakzeptanz und somit ihrem Erfolg setzen, kein Vorwurf gemacht werden.

    Kleiner Beitrag zu Feierabend.net.
    Startseiten Zitat: “Missmargo ist lebhaft und fast immer gut gelaunt”.

    JA einfach eine super Sache, ich empfehle die Seite einfach sofort meinem Opa und ihm wird “fast” nie wieder langweilig! ;)

  • Dennis Hoppe sagt:

    Man sollte sich auf jeden Fall vor Augen halten, dass auch ein Vorhandenes Konzept in form von Code umgesetzt werden muss. FaceBook hat mit Sicherheit keine Zeile PHP-Code bereitgestellt. Das einzige, was hier durch “Copy’n'Paste” “gestohlen” wurde sind vieleicht ein Paar Zeilen CSS und xHTML. Wer aber schoneinaml WebSource gesehen hat, weiß, dass es wesentlich schwieriger ist, Datenbankanbindung und Sessionsysteme zu entwickeln, als ein wenig HTML zu schreiben.

  • admin sagt:

    Ja, ist das so? Dagegen spricht, dass es 100te Communities gibt, deren Datenbankabfragen und Sessions anscheinend funktionieren und denen dennoch kein Erfolg beschieden ist. StudiVZ war gerade wegen langsamer Server und fehlerhafter Programmierung mehrfach in den Medien. Obwohl es außerhalb der Plagiatsleistung gehapert hat, gabs ein paar tausend Registrierungen am Tag. Das ist weniger auf die Programmierung als auf die Benutzerführung und das plagiierte Design zurückzuführen. Zu Gute halten würde ich allerdings, dass auch ein kopiertes Design mit plagiiertem Konzept bekannt gemacht werden muss und langsame Server die positive Publicity nicht gerade fördern. Vermarktungsleistung also gut, der Rest peinlich.

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